Interview mit Fred Grimm (Autor von "Shopping hilft die Welt verbessern")

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Der Autor und sein sein Buch

Trotz den Quärelen eines heftigen Konglomerats aus Fieber, Halsweh, Husten und unablässiger Schleimbildung rafft die 1-Mann-Konsumguerilla ihre Kräfte zusammen um einen herrvoragenden Autoren zu interviewen: Fred Grimm, Verfasser der LOHAS-Bibel: „Shopping hilft die Welt verbessern“. Der überraus freundliche Schreiberling ist 44 Jahre alt, arbeitet für Tempo, Stern, Max und Emma und lebt in Hamburg. Nicht zuletzt ist zu erwähnen das er stolzer Papa einer vierjährigen Tochter ist (was das ethische Leben nicht unbedingt vereinfacht, wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung weiß).

KonsumG: Herr Grimm, bitte beschreiben sie sich und ihren persönlichen Lebensstil. Besonderes Augenmerk liegt natürlich auf dem „Härtegrad“ ihrer ethisch/ökologischen
Ausrichtung. In wie weit nimmt der ethische Konsum Einfluss auf ihr Leben und wo erreicht er seine Grenzen?


FredG: Der „Härtegrad“ meiner ethisch-ökologischen Lebensführung ist schwer zu beziffern. Ich betrachte mein Buch als Einladung, im persönlichen Konsumverhalten ethisch-ökologische Alternativen zu wählen. Diese Einladung gilt natürlich auch für mich.
Ich versuche aber auch über mein Konsumverhalten hinaus möglichst verantwortungsbewusst zu leben. De Facto heißt das, dass ich auf einen Energieanbieter umgestiegen bin, der ausschließlich auf erneuerbare Energien zurückgreift, ich ein Sparpaket bei der Umweltbank abgeschlossen habe und nach Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel benutze – oder gleich Fahrrad fahre. Mein CO2-Fußabdruck dürfte generell nicht besonders hoch sein. Ethischer Konsum erreicht da seine Grenzen, wo schlicht die Alternativen fehlen. Die schönen Herrenanzüge aus Bambusfasern statt aus konventionell angebauter Baumwolle sind in Deutschland kaum zu kriegen anders als etwa Streetwear aus Biobaumwolle. Generell wird sich – so hoffe ich – in den nächsten Jahren ein ethisch-ökologisch sinnvolles Abbild beinahe des gesamten Konsumangebots ergeben, so dass meine Wahlmöglichkeiten sich erhöhen. Und dann werde ich – je nach finanziellen Möglichkeiten – die ethisch-ökologische Alternative bevorzugen.
KonsumG: Stellenweise wirkt ihr Buch fast dialektisch. Mein Eindruck war das der Leser über viele Seiten hinweg aufgebaut wird, das wir alle (inkl. der Industrie) uns im Großen und Ganzen schon auf dem richtigen Weg befinden und dann folgen wieder zermürbende Fakten die einem bewusst machen das diese Welt doch noch nicht auf den Zug Menschlichkeit aufgesprungen ist und weiter Handlungsbedarf besteht. Welche Absicht verfolgen sie damit?

FredG: Ich möchte Mut machen. Trotzdem. Wir haben einen langen Weg vor uns. Wenn man bedenkt, dass heute etwa in der Frage des CO2-Ausstosses eine Rückkehr zu den Werten des Jahres 1990 als Traumziel gilt – und man weiß, dass das eigentlich schon deprimierende Zahlen waren, dann haben wir wirklich noch viel vor. Doch wie schon Mao sagte: Jeder lange Marsch beginnt mit einem Schritt. Für uns, für kleine Firmen, große Konzerne, Politiker, Aktivisten, für uns alle. Und selbst ein winziger Schritt in die richtige Richtung ist besser als Stehenbleiben.

KonsumG: An vielen Stellen ihre Buches scheint durch, dass sich große Unternehmen in ihrem Verhalten, aus ethisch / ökologischer Sicht, schon wesentlich gebessert haben. Im „Serviceteil“ kommen Konzerne wie Puma oder Nike erstaunlich gut weg, bzw. das Augenmerk liegt nicht auf ihren Verbrechen sondern eher auf ihren (kleinen) Schritten in Richtung fairtrade und ökologisch. Ich war häufig über die Konzerne überrascht die ich in ihrem Empfehlungen fand. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, kleine Unternehmen mit ihren Empfehlungen konzentrierter zu unterstützen?

FredG: Ich habe in der Tat lange überlegt, ob man Firmen wie Puma oder Nike überhaupt aufnehmen sollte. Mir ging es aber auch darum, bei bekannten Marken, mit denen die Leser etwas anfangen können, mal zu recherchieren, ob die in Sachen Arbeitsbedingungen oder Ökobilanz etwas zu bieten haben. Und da gibt es in der Tat spannende Projekte. Die globalisierte Produktion der großen Konzerne verursacht sicher viele der Probleme, die wir heute haben. Aber wenn Sie mein Buch genau lesen, dann können Sie eigentlich keine blauäugige Empfehlung herauslesen, vielmehr eine Ermunterung auch an die Konzerne, ihre aus Einsicht und/oder PR-Gründen eingeschlagenen Wege weiter zu gehen. Wenn Nike, die in den Neunzigern wegen der Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern unter Druck kamen, heute einen Code of Conduct über Mindeststandards haben, unabhängige Kontrollen zulässt und Listen ihrer Zulieferer im Netz veröffentlicht, dann macht das Nike natürlich nicht zu einem perfekten Konzern. Aber sie sind einen Schritt weiter gekommen. 30 Prozent richtig ist besser als 100 Prozent falsch. Was die kleinen Firmen anbelangt – ich denke, ich habe da sehr viele „ausgegraben“ und rückhaltlos empfohlen. Das Buch ist doch voll davon! Man erfährt sogar ganz genau, wo man die Sachen kriegt – was, wenn nicht das, ist eine Unterstützung im Rahmen der Möglichkeiten des Buches?

KonsumG: Fairtrade ist eine tolle Sache, welche sie ausführlich in ihrem Buch darstellen. Was entgegnen sie Kritikern, die behaupten das Geld würde eh nie ankommen oder in sinnlose Entwicklungshilfe gesteckt? Gerade zur Zeit erscheinen viele eher kontraproduktive Artikel (z.B. Neon-Magazin) oder auch Bücher ( (Un-)Fairtrade ?

FredG: Bei Diskussionen über diese Frage ist dieser Punkt auch oft aufgetaucht. Dabei gab es zwei Argumente: Der im Vergleich zum Welthandel verschwindend geringe Anteil von Fairtrade sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Man müsse doch eigentlich die ungerechten Welthandelsstrukturen verändern und den Ländern aus Afrika oder Asien Zugänge zu unseren Märkten erleichtern undsoweiter. Ich denke, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen, also für eine gerechtere Weltordnung kämpfen und die Fairtrade-Idee weiter zu unterstützen. Denn auch – ich komme zum zweiten Kritikpunkt – wenn bei Fairtrade nicht alles perfekt läuft, kann ich Ihnen hunderte Beispiele aufführen, wo Fairtrade-Mechanismen zu einer deutlichen Verbesserung regionaler Lebensumstände geführt haben. Preise über den Weltmarktpreisen sind insgesamt in der Regel immer noch zu niedrig, aber ich kenne kein Projekt, wo sich die Bananen-, Kakao oder Kaffeebauern nach den alten Zuständen zurücksehnen. Und wenn Fairtrade-Labels Baumwollanbauern den Umstieg auf giftfrei angebaute Biobaumwolle finanzieren helfen – warum muss ich da nörgeln? Also: Kritik ist gut, aber bitte nicht die wirklichen Probleme außer Acht lassen.

KonsumG: Wie sahen die Reaktionen im Zuge ihrer Recherchen aus, wenn sie bspw. bei einer Bank nach ethisch korrekter Anlagemöglichkeit fragten? Gab es witzige Erlebnisse und Anekdoten?

FredG: Meine Recherchen waren eine Mischung aus aha-Erlebnissen (So gut kann ethisch-ökologische Mode aussehen) und o-weh-Erlebnissen. In der Tat konnte man Ende 2005 bei Sparkassen bei der Frage nach ethisch korrekten Finanzprodukten Verwunderung und Verzweifelung ernten. Und bei Saturn oder Media-Markt nach der Ökobilanz von Computern oder Fernsehern zu fragen hatte auch seinen Charme. Ich glaube, das ändert sich gerade massiv – wenn inzwischen sogar schon die Bild am Sonntag Öko-Waschmaschinen verlost, dann ahnen Sie, was seit einigen Monaten für ein Bewusstseinswandel vor sich geht.

KonsumG: Welche Chancen & Gefahren sehen sie im LOHAS – Trend? Ein Strohfeuer? Wie charakterisieren sie kritisch diese Zielgruppe und ihren Einfluss auf die Marktwirtschaft?

FredG: Sind LOHAS die neuen Yuppies? Ich bin misstrauisch gegenüber Labels und glaube auch nicht, dass man diesem Wandel von Einstellungs-, Bewusstseins- und Konsummustern ein Label aufpropfen sollte. Aber wenn dieser Marketingbegriff dazu führt, dass Unternehmen begreifen, dass es für ethisch-ökologische Produkte ein großes Kundenpotential gibt, das in einigen Bereichen noch gar nicht bedient wird, dann hilft das vielleicht schon auf der Angebotsseite. Ich kenne niemanden, der sich freiwillig einen Lohas nennen würde, aber die Elemente, die die Marktforschung zur Charakterisierung verwendet, sind ja durchaus vorhanden. Wer einmal auf bio umsteigt, wer aus ethischen Gründen bestimmte Mode-Labels boykottiert, wer seinen Energieversorger wechselt, sich entschließt auf ein schadstoffärmeres Auto umzusteigen – der kehrt nicht mehr um. Wer sich anfängt, für die komplette Geschichte eines Produktes zu interessieren, den werden Arbeitsbedingungen und Ökobilanz nicht mehr kalt lassen. Das, was hinter LOHAS steht – „Lifestyle of Health and Sustainability“ – ist keine Mode, sondern ein tief greifender Wandel. Wir werden in den nächsten Monaten zahlreiche, auf diese Zielgruppe abgestimmte Produkte sehen. Und jedes Produkt, das umweltfreundlicher oder sozial verantwortlicher hergestellt wird, ist eine Verbesserung.

KonsumG: Vielen herzlichen Dank für ihre geopferte Zeit! Ich wünsche Ihnen persönlich viel Erfolg mit dem Buch und uns allen in der praktischen Anwednung damit.

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