Neues Bio-Center in Mannheim: Ein kritischer Blick

Am 15.Mai 2008 eröffnete das Bio-Center im Stadthaus Mannheim, am zentralen Paradeplatz. Anscheinend bricht eine neue Ära für uns Bio-Konsumenten an, den erstmals finden wir Bio-Restaurants, Supermärkte, Klamottenläden, Metzger, Cafes, Naturfrisöre und einen Saftladen unter einem Dach vereint . Hört sich nach einem Mekka für uns bewußte Verbraucher an, nicht wahr? Verweilen wir noch eine Sekunde in dieser paradisischen Vorstellung des ökokorrekten Einkaufstempels, denn wer mit einem scharfem Blick gewappnet eintritt, bekommt diese Illusion von der unbarmherzigen Realität schnell wieder zerstört.

Dieser Artikel spiegelt meinen ganz persönlichen Blickwinkel auf das Bio-Center. Mir ist bewußt das hier viel Arbeit geleistet und sich viele Gedanken gemacht wurden. Dennoch bleibt das Fazit für mich persönlich sehr enttäuschend.
Wir befinden uns direkt im Eingangsbereich. Ein Cafe, welches sinnigerweise mit „Le Cafe“ betitelt ist, strahlt uns in warmen sepiatönen entgegen. Ein kurzer Blick in die Karte, in der ich mir Bio-Kaffees, Esspressi und ähnliches erhoffte, sagte mir dass hier leider sehr sehr vieles konventioneller Natur ist, nach längerem Hinsehen entdecke ich nur eine Bio-Kennzeichnung für die Milch die bspw. in einem Cafe Latte enthalten ist. Hmm. Weiter zum nächsten Cafe „Gaya“, welches über wunderschöne mit Bambus verzierten Karten verfügt. Auch hier keine Bio-Weine, Biere, Kaffee, oder sonstiges. Immerhin ist die Milch wieder BIO. Na dann. Es werden auch kleinere Snacks & Gerichte angeboten, die wenigstens teilweise Bio-Zutaten enthalten.

Im Gastrobereich am konsquentesten,  ist das Envita-Restaurant aufgefallen. Diese haben wirklich etliche leckere Gerichte welche zu einem Restaurantbesuch verlocken.

Envita führt auch einen Bio-Supermarkt im Bio-Center. Dieser ist gut sortiert, erinnert vom Look&Feel her stark ans Basic. Aber leider auch hier viele offene, energieineffiziente Kühltheken. Ein Vorteil im Vergleich mit Alnatura allerdings ist, das Envita an Obst & Gemüsetheke vor allem Papiertüten ausliegen hat, während ich bei der Konkurrenz immer erst danach fragen muss.

Ein absoluter Hammer ist der Emission Zero – Shop (Tagline: Ökologische Telekommunikation). Update: Wie ich soeben aufgeklärt wurde steht der Name für das Ziel das der Laden verfolgt. Hier werden vor allen Dingen Kabel-Internet-Anschlüsse von KABEL-BW vertickert. Ich fragte neugierig nach ob KABEL-BW denn seine Server mit Ökostrom versorgt. Nein, das sei bisher nicht der Fall, Update: aber man bemühe sich Dinge in diese Richtung beim Provider zu erreichen. [man hätte von einem solchen Unterfangen aber auch noch nie etwas gehört bisher.] Oh je. Es geht noch weiter, auf meine Frage hin wieso denn da auf dem großen Schild „Ökologische Telekommunikation“ steht wurde mir unverschämt selbstbewußt erzählt das energieeffizienzte Schnurlos-Telefone verkauft werden und kein böses, schädliches W-Lan sondern dafür die gesündere Alternative D-Lan. ( Zeilen bzgl DLan wegen Fehlinformationen meinerseits gelöscht)

Der Biometzger, verkauft viele zweifellos gute Bio-Produkte, aber auch hier sind immer wieder siegellose Waren zu entdecken, wie das natürlich auch sehr gute aber eben nicht zertifizierte, Schwäbisch-Hällsche Schweinefleisch. Auch hier also nicht so ganz Bio, wie es die versalen Buchstaben über dem Eingang der Centers es vermitteln wollen, aber dennoch einer der wenigen Läden des Bio-Centers auf die ich wahrscheinlich gerne zurückkommen werde.

Der Saftladen daneben, verkauft viele interessante und leckere Säfte – das Bio-Siegel jedoch vermisst man bei etlichen Ingridentien.

Sehr gespannt war ich auf die psd Bank. Diese ist bekannt für ihre Förderung von ökologischen Projekten wie bspw. der Finanzierung von Photovoltaik-Anlagen. Auf meine Frage hin ob es den ethische Richtlinien für den Geldanlagen gibt, ob bspw. nicht in Gentechnik oder Rüstungsindustrie investiert bekam ich ein ehrliches „Nein“ als Antwort. Zumindest wußte die Beratungsdame das das Geld momentan nicht im Bereich Gentechnologie verwendet wird. Wunderbar ökologische Plastik-Einweg-Sektgläser rundeten das jetzt entstandene nachhaltige Image ab.

Mannheims erster Naturfrisör hat sich ebenfalls im Bio-Center niedergelassen. Hier bekommt man keine Dauerwellen, aber tolle Färbungen mit richtigen Naturfarben. Herren, Damen und Kinder werden je nach Haarlänge zur Kasse geboten. Die Damen beispielsweise zahlen rund 30 Euronen für eine neue Frisur mit selbtstgeföntem Finish.

Abschließend möchte ich noch Ecolinea als lobenswert erwähnen, ein Bekleidungsgeschäft für Mode aus ökologische Materialien. Ausgefallene Stücke findet man hier leider nicht, aber definitiv gute Casual Wear für den Großteil der Bevölkerung. Alle wichtigen Basics für Erwachsene und Kinder aus Leinen, Baumwolle und bald auch Hanf findet man dort von der von Greenpeace empfohlenen Marke „Lana“. Die Baumwolle ist aus Kooperations-Kollektiven und die Kleidung wird hauptsächlich in der Türkei oder anderen EU-Ländern produziert.

Fazit: Das Konzept das sich revolutionär und auf den ersten Blick gut durchdacht angehört hat, scheitert leider an einigen der Geschäftseinheiten die ins Bio-Center aufgenommen wurden. Es hinterläßt den Eindruck, dass alles wahllos zugelassen wurde ohne die ökologische Credibility und die Ernsthaftigkeit einzelner Ladeneinheiten aufs Konzept hin in Frage zu stellen. Einen Laden wie Emission Zero der mit „der Sache“ nichts zu tun hat und nur von dem Image profitieren will, um seinen konventionellen Produkte los zu werden oder einem Internetanschluss zu einem ökologischen Image verhelfen will, hat in einem ernst gemeinten „Bio-Center“ nichts zu suchen. Auch die Cafes fand ich enttäuschend, ist es wirklich so schwer mehr Bio-Säfte anzubieten – Sorry, aber Bio-Milch in konventionellem Kaffe als Aufhänger find ich schon ein starkes Stück. Alles in allem wird das Ding vielleicht erfolgreich, Schein ist eben leider oftmals mehr Wert als Sein, aber auf Dauer denke ich wird es auch dem unbedarften Konsumenten auffallen das hier nur ein unvorteilhafter Mischmasch aus konventioneller Ware, Bio-Trittbrettfahrern und echtem Bio angeboten wird.

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